Von Mensch zu Mensch –
Das Nachbarschaftszentrum auf Gut Branderhof

 Das Bedürfnis nach sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe, nach eingebunden sein in den Alltag anderer, das Bedürfnis Gemeinschaft zu erleben, sich persönlich zu begegnen und auszutauschen, das eigene Umfeld gemeinsam zu gestalten, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Für immer mehr Menschen jedoch wird es zunehmend schwierig, diese Teilhabe in ihrem Alltag zu erleben. Viele leben alleine und sind oftmals weder in einer Partnerschaft noch in einer Familie eingebunden. Wenn altersbedingt oder aufgrund gesundheitlicher Belastungen Teilhabe auch nicht am Arbeitsplatz erfahren werden kann, wächst die Angst vor Einsamkeit. Insbesondere ältere Menschen fürchten soziale Isolation. Soziale Isolation gehört zu einer der zentralen Herausforderungen im Quartier Beverau. Schon heute leben hier mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner in Einpersonenhaushalten, mehr als die Hälfte der Alleinlebenden wiederum ist über 65 Jahre alt.   Der Verein „Gut! Branderhof“ möchte die Begegnung der Bewohnerinnen und Bewohner aller Generationen und gesellschaftlichen Schichten des Quartiers gezielt fördern und ein Ort für gelebte Nachbarschaft sein.Der mittlerweile vierjährige Testbetrieb auf dem Branderhof zeigt, dass diese Idee aufgeht. Der Hof ist ein Magnet geworden. Viele Menschen, die erst einmal nur schauen möchten, sind begeistert von der Atmosphäre und dem, was auf dem Hof passiert und noch passieren soll. In den bislang nur provisorisch hergerichteten Räumlichkeiten finden mittlerweile mehrmals pro Woche Treffen und Veranstaltungen statt.

Die Angebote des Vereins erfahren einen steten Zulauf. Bei Hoffesten treffen sich über 300 Menschen, Ältere und Jüngere, Alleinlebende und Familien, Zugezogene und Geflüchtete, Erwerbstätige und Arbeitslose, Menschen mit Behinderung und ohne und erleben, dass sie „dazu gehören“, Teil der Gesellschaft sind. Sie lernen sich kennen und bauen Beziehungen auf. Alle genießen den Austausch, das Miteinander, die lebendige Atmosphäre. Auch viele Kinder aus dem Viertel lernen sich kennen und werden allmählich vertraut mit einem Ort, der oftmals schon für die Eltern identitätsstiftend war.   Derzeit hat der Verein ca. 350 Mitglieder, darunter viele Familien, Alleinlebende, Seniorinnen und Senioren. Über 60 Mitglieder bringen sich mittlerweile aktiv in das Projekt ein. Es zeigt sich, dass der Branderhof bei vielen Menschen im Quartier, besonders bei den Akteur*innen ein „Zuhause‐Gefühl“ auslöst. Dies wird u. a. an den vielen Sachspenden, die der Verein bereits erhalten hat deutlich: bequeme Stühle, Dekosachen, Pflanzen für die Fensterbank im Quartierswohnzimmer und vieles andere mehr. Sie zeugen von der Identifizierung mit dem Hof.   In Zukunft möchte der Verein „Gut! Branderhof“ mit seinen nachbarschaftlich und gemeinwohlorientierten Angeboten und Projekten noch stärker zum Nukleus für das Quartier werden. Dies wird jedoch nur gelingen, wenn der Gutshof wie geplant von Grund auf saniert und ausgebaut wird, denn in dem jetzigen baulichen Zustand wird dieser Betrieb auf Dauer nicht möglich sein.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Verein, der Siedlungsgemeinschaft, die sich auf dem Gelände hinter dem Hof niederlassen möchte und der Kindertagesstätte „Kind und Kegel“, die als eigenständiges Projekt in der Doppelscheune am Hof untergebracht ist, gibt dem Nachbarschaftszentrum eine weitere solide Basis für ein nachhaltiges robustes Betriebskonzept  

 

In einem historischen Gebäude die Zukunft gestalten Wie alles begann …  

Hauptantriebskraft für das Projekt waren mehrere Nachbarn des historischen Gutshofes. Konkret begann alles mit einer Begegnung im 5. Stock des städtischen Verwaltungsgebäudes am Hauptbahnhof. Einige Anwohner des Branderhofs klopften hier im Frühjahr 2015 an eine Tür mit der Aufschrift „Strategisches Immobilienmanagement“. Der damalige Abteilungsleiter öffnete den spontanen Besuchern und hörte sich mit Interesse an, was die Bürger vortrugen. Sie machten sich große Sorgen, dass die Stadt den ehemaligen Reiterhof an einen privaten Investor verkaufen könnte und der Branderhof damit als öffentlicher Ort für das Quartier auf immer verloren sein könnte. Das alte Gutshaus war von jeher das Herzstück des Branderhofes. Und der Branderhof für viele Burtscheider das Herzstück des Quartiers. Die Pferde waren ein großer Anziehungspunkt für das gesamte Viertel. Viele Eltern gingen mit ihren Kindern dorthin. Entweder weil sie dort am Reitunterricht teilnahmen oder einfach nur zum „gucken“, Pferde waschen, Pferde putzen und streicheln. Das Hoftor stand immer offen, jede/r spazierte einfach hinein, konnte in die Stallungen gehen, am Reitplatz beim Longieren oder in der Reithalle beim Unterricht zuschauen. Die Fotos zur Geschichte des Hofes, die wir bei unserem ersten Erzählcafé im Sommer 2017 gezeigt haben, dokumentieren dieses auf eindrückliche Weise. Hier wurden legendäre Weihnachts‐ und Nikolausfeste mit der Nachbarschaft gefeiert. In den letzten Jahren gab es auf dem Hof zudem eine bekannte und gut frequentierte kleine Gastronomie namens „Vetternwirtschaft“. Es wurden kleine Gerichte und Getränke angeboten, man konnte drinnen oder bei gutem Wetter auch draußen sitzen und das bunte Treiben auf dem Hof genießen. Hier traf sich die Nachbarschaft. Es waren Begegnungen zwischen allen Generationen. Vom Kleinkind bis hin zu Senioren, die mit ihren Enkelkindern auf den Branderhof kamen. Das Gespräch mit dem Abteilungsleiter des „Strategischen Immobilienmanagements“ dauerte etwa eine Stunde.

Es war die Geburtsstunde des „Gut! Branderhof e.V.“, der sich kurz darauf zur Gründungsversammlung traf und dem mittlerweile besagte zirka 350 Mitglieder angehören, die sich mit viel Herzblut für den Erhalt und die Umnutzung des historischen Gebäudes zum Nachbarschaftszentrum einsetzen.   Alle Veranstaltungen, die derzeit auf dem Branderhof stattfinden, gehen auf die Initiative von Bewohnern des Viertels zurück. Sie kamen von sich aus mit eigenen Ideen auf den Verein zu. Die Vorschläge und Ideen wurden anschließend im Vorstand beraten und im Plenum der Akteurinnen und Akteure vorgestellt. Bei der Entscheidung, ob eine Idee ins Programm aufgenommen wird, stand und stehen immer die in der Satzung formulierten Ziele im Fokus. Auf diese Weise wurde und wird bis heute auch sichergestellt, dass alle, die im Verein aktiv sind, hinter den Angeboten stehen und sie mit unterstützen. Die Möglichkeit, sich auf dem Branderhof mit eigenen Ideen ohne großen bürokratischen Aufwand zu engagieren und aktiv einbringen zu können, ist aus unserer Sicht eine wesentliche Basis für den Erfolg des Nachbarschaftsprojektes. Ebenso wie das Vertrauen in die einzelnen Akteure und deren Eigenverantwortung. Die Angebote werden sich im Laufe der Zeit immer wieder verändern. Weil neue Menschen mit neuen Ideen hinzukommen, weil die Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen im Quartier sich verändern und damit auch die Angebote auf dem Hof. Diese Lebendigkeit und Beweglichkeit ist für uns ein Herzstück des gesamten Projektes.  

 

Der Branderhof – Das Quartierswohnzimmer als Treffpunkt  

Der Verein „Gut! Branderhof“ möchte das ehemalige Gutshaus mit neuem Leben füllen und im Erdgeschoss ein sogenanntes Quartierswohnzimmer (QWZ) einrichten. Die gesamte untere Etage soll zu einem Treffpunkt für das Viertel umgestaltet werden. Hier soll die Tür immer offen stehen. Man trifft Nachbarn, erzählt, liest, spielt, verzehrt eine Kleinigkeit, tauscht sich aus. So wie es früher in den Dorfgaststätten üblich war. Man ging hinein, setzte sich an den Tresen und wusste: Irgendjemanden treffe ich hier immer. Die besondere Qualität ist die Einfachheit der Begegnung. Ohne Termin, ohne Verzehrzwang. Im Quartierswohnzimmer ist stets jemand aus dem Verein ansprechbar und kann auf alle Fragen zu aktuellen Projekten, Aktivitäten, Veranstaltungen, Beratungsangeboten und auch in Sachen Nachbarschaftshilfe Auskunft geben.  

 

Der Branderhof – Ein Ort für Kunst und Kultur

In den letzten Jahren sind vermehrt junge Familien und Studierende ins Viertel gezogen. Der Verein „Gut! Branderhof“ hat sich zur Aufgabe gemacht, das kulturelle Angebot im Viertel auch für diese Personengruppe weiter zu beleben. Durch Ausstellungen, Lesungen, Tanz, Musik und Theater. Vieles ist aufgrund der baulichen Situation derzeit nur eingeschränkt umsetzbar. Die Aachener Kunstroute hatte im Sommer eine vielbesuchte Station auf Gut Branderhof. Lesungen, Konzerte und größere Bürgerfeste zu Weihnachten und zu Ostern zogen viele Menschen auf den Hof. Nach der Sanierung soll er eine feste Adresse für Kunst und Kultur im Viertel werden. Der Anfang in den noch provisorischen Räumen ist gemacht.

 

Der Branderhof – Ein Ort lebendiger Nachbarschaftshilfe

Der Verein organisiert derzeit aktiv eine quartiersbezogene Nachbarschaftshilfe. Am Branderhof soll es eine eigene Anlaufstelle für unterschiedlichste Formen der Nachbarschaftshilfe geben, die von Ehrenamtlichen organisiert wird. Es geht dabei zum Beispiel um Kinder, die von Nachbarn nach der Kita oder der Schule betreut werden, bis die Eltern zuhause sind, über Hilfe im Garten, Unterstützung beim Einkaufen, Hilfe und Beratung bei der altersgerechten Umgestaltung der eigenen Wohnung, Begleitung beim Arztbesuch bis hin zu einem nachbarschaftlichen Besuchs‐ und Hilfsdienst zur Entlastung pflegender Angehöriger. Gerade für ältere Menschen können solche Angebote lebensentscheidend sein. Menschen, die zuhause nicht mehr allein zurechtkommen, sind häufig gezwungen, in ein Seniorenheim umzuziehen. Vielen von ihnen ist es jedoch ein großes Anliegen, so lange wie möglich in ihrem vertrauten Quartier zu bleiben. Sie kennen sich dort aus, die Menschen dort sind ihnen vertraut. Damit sie möglichst lange in ihren Häusern und Wohnungen bleiben können. Nach demMotto: „Wir bleiben hier, in unserm Quartier“  soll die ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe auch und insbesondere für diese Personengruppe Alltagshilfen und Unterstützung organisieren. Der Branderhof wäre die zentrale Anlaufstelle dafür. Hier sollen Ehrenamtliche aus dem Quartier mit Fachleuten aus dem Bereich Pflege und Wohnungsumgestaltung zusammenarbeiten. Seit Ende 2019 findet auf dem Hof einmal im Monat ein regelmäßiges Nachbarschaftsfrühstück statt. Der Verein arbeitet bereits eng mit der Quartiersmanagerin der AWO, die im Januar 2019 ihre Arbeit aufgenommen hat, zusammen und tauscht sich regelmäßig mit ihr aus. Ihr Büro soll perspektivisch auf Gut Branderhof untergebracht werden. Ein Ort, an dem sich Nachbarn treffen, austauschen, Hilfsbedarfe erkennen und Hilfsangebote organisieren können.  

 

Der Branderhof – Ein Ort für Burtscheider Vereine und Initiativen

Der Branderhof soll darüber hinaus zu einem bürgerschaftlich‐kulturellen, generationsübergreifenden und lebendigen Nukleus im Viertel werden. Eine bewusste Öffnung für Vereine, Initiativen und Gruppen, die dort regelmäßige Treffen und Aktionen anbieten, soll den Ort weiter beleben und ihn zu einem Zentrum für nachbarschaftliche Gemeinschaft machen. Bereits jetzt bestehen über verschiedene Veranstaltungen auf dem Branderhof lebendige Kontakte zu Vereinen und Initiativen im Quartier. So u.a. zur Burtscheider Interessengemeinschaft BIG (bei der der „Gut! Branderhof e.V.“ selbst seit Anfang 2019 Mitglied geworden ist), zu verschiedenen Senioren‐Einrichtungen die u.a. zu unseren regelmäßigen Erzählcafés kommen), zu den umliegenden Kirchengemeinden (mit denen sich der Verein u.a. bei der Nachbarschaftshilfe vernetzt), zu den beiden angrenzenden Kleingartenvereinen (mit denen der Verein z.B. eine Aktion zum gemeinsamen Obstpressen plant) sowie zu den Schulen und Kindergärten im Quartier (die u.a. das Backhaus als außerschulischen Lernort nutzen möchten). Es besteht auf allen Seiten Interesse, enger zusammen zu arbeiten, sich auszutauschen, gemeinsam neue Initiativen im und für das Viertel zu starten. Der Verein wird schon jetzt in regelmäßigen Abständen für Veranstaltungen, Jahresversammlungen und Aktionstage von Vereinen und Initiativen angefragt, die selber für solche größeren Veranstaltungen keine Räume zur Verfügung haben. Das Angebot an größeren Räumen für Vereine und Initiativen ist im Quartier sehr begrenzt, die Nachfrage entsprechend hoch.  

 

Der Branderhof - Ein Ort für Familienfeiern

In einer Fragebogenaktion meldeten sich viele Bürgerinnen und Bürger aus unserem Viertel, die ein reges Interesse an der Anmietung von Räumen auf dem Branderhof für private Feierlichkeiten bekundet haben. Viele merkten an, dass es im Quartier hierfür kaum Angebote gäbe. Der ehemalige Pferdestall ist mit seinen flexibel nutzbaren Räumlichkeiten dafür optimal geeignet. Ob Hochzeiten, Geburtstage, Konfirmationen oder auch mal ein Beerdigungskaffee – die Nachbarschaft soll hier die Möglichkeit haben, an einem nahegelegenen, ihnen vertrauten Ort zu feiern. Mittlerweile ist der Branderhof im Schnitt drei Mal in der Woche für verschiedenste Veranstaltungen geöffnet. Alle Angebote finden Sie hier: www.gutbranderhof.de  

 

Zu guter Letzt: Unsere Spenden-Kampagne

Um all die vorab genannten Aktivitäten in Gänze realisieren zu können ist die dringend notendige Sanierung und der Umbau von Gut Branderhof zum Nachbarschaftszentrum erforderlich. Der Verein muss hierzu bis Mitte 2023 einen gehörigen Eigenanteil aufbringen. Wir freuen uns über jede Unterstützung und über jede Spende. Nähere Informationen hierzu finden Sie unter Spenden-Kampagne auf dieser Homepage.